Editorial

Noch 2005 widmete der Publizist Bodo Mrozek dem Begriff Patriotismus einen Eintrag in seinem „Lexikon der bedrohten Wörter“ – ziemlich verfrüht, wie wir heute wissen. Das Jahr 2006 war dank der Fußball-Weltmeisterschaft und ihren Begleiterscheinungen ein Boom-Jahr für Patriotismus. Zumindest für den Begriff. Für uns, das Team des Ressortschwerpunkts „Kultur und Medien“ im 4. Semester, war das der Anstoß, das Phänomen „Patriotismus“ unter die Lupe zu nehmen.

Was verbirgt sich hinter dem „neuen deutschen Patriotismus“, der geeignet schien, das Bild der Deutschen in der Welt gerade zu rücken? Und wie unterscheidet er sich vom „alten“ deutschen Nationalismus? Patriotismus ist entspannt, bunt und gut gemeint, so die landläufige Einschätzung nach der großen Party WM. Mit dem Nationalismus gemein hat er „nur“ die hohe Identifikation mit dem eigenen Land, beim Patriotismus wird diese Identifikation jedoch flankiert von sozialen und demokratischen Werten. Der wahre Patriot neigt explizit nicht dazu, andere Nationen oder Gruppen abzuwerten. Nationalismus dagegen gilt allgemein als unentspannt, als politisch bedenklich, als Ideologie der Ungleichwertigkeit: Je größer die Identifikation mit Deutschland und der Stolz auf die eigene Gruppe, desto bereitwilliger werden andere, vermeintlich „fremde“ Gruppen abgewertet. Die Nach-WM-Deutschen also ein einig Volk der Patrioten?

Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld und sein Forscherteam haben sich der Frage rein empirisch genähert – und dabei Erstaunliches zutage gefördert. Heitmeyers Forschungsergebnisse, publiziert zur Jahreswende 2006/07 in Folge 5 der Reihe „Deutsche Zustände“, relativieren das deutsche Sommermärchen. So ganz entspannt war das Nationalgefühl nämlich nicht, das sich mittels schwarz-rot-goldener Fanartikel Bahn brach: Nach der WM waren nationalistische Tendenzen verbreiteter als vor der WM, bei patriotischen Werten ist es genau andersherum – die waren vor der WM weiter verbreitet als hinterher (vgl. Heitmeyer 2006: 140).

Die Farben des Hambacher Fests im Gesicht, die Flagge in der Hand und die Parole „Du bist Deutschland!“ im Kopf führen eben nicht unmittelbar zu einer gesteigerten Integrationsbereitschaft. Tatsächlich fungierte der Party-Patriotismus, der eine Schwemme kurioser Produkten in Nationalfarben nach sich zog, eher als eine Art kulturelles Schmiermittel, als Manöver der Ablenkung von sozialen Verwerfungen. Die Journalistin Sonja Zekri betrachtet die WM-Euphorie gar als „diskursives Vakuum (…), das jede politische Debatte gleichsam aufsaugte. Es dürfte in der Geschichte der Bundesrepublik nur wenige Phasen gegeben haben, in denen eine solche Vielzahl so unangenehmer politischer Entscheidungen so geräuschlos vollzogen wurde, von der Erhöhung der Mehrwertsteuer über die Abschaffung der Eigenheimzulage bis zur Kürzung der Pendlerpauschale.“ (vgl. Heitmeyer 2006: 250)

Nationalistische, aber auch patriotische Einstellungen, die auch in anderen Ländern zu beobachten sind, bergen also – entspannt oder nicht – immer die Gefahr, die Abwertung von anderen Gruppen zu fördern. Wesentlich sinnvoller, so Heitmeyers Fazit, sei es, die Wertschätzung demokratischer Prinzipien zu fördern. Denn demokratische Werte könnten nicht zum Eigentum einer Nation erklärt, also nicht monopolisiert werden. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Zitate aus: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 5. Frankfurt 2007: Suhrkamp

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