Seite 1 2 3 Interview: U. Rosar, Soziologe
Dr. Ulrich Rosar ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl von Prof. Dr. Heinrich Meulemann. Im Forschungsinstitut für Soziologie in Köln beschäftigt er sich mit Fragen der Europäischen Integration, mit empirischer Sozialforschung, internationalen Vergleichen und politischer Soziologie.
1. Wie patriotisch waren die Deutschen vor der WM?
Zwei Sachen dazu: die Deutschen haben historisch bedingt prinzipiell ein verkrampftes Verhältnis zu ihrer Nation. So etwas kann man sonst nur noch in Belgien beobachten. Wobei die Ursachen dafür völlig unterschiedlich sind. In Deutschland liegt das an der nationalsozialistischen Vergangenheit, wohingegen in Belgien drei Volkgruppen durch historische Verträge in ein Staatengebilde hineingepresst wurden. Die Deutschen hatten immer ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Nation. Jeder der positive Gefühle gegenüber seinem Land entwickelte und es nicht im Habermas´schen Sinne als Verfassungspatriotismus ausgab, geriet unter Generalverdacht. Man konnte schon vor der WM, bei der letzten EM, erkennen, dass es ein aufgelockertes Verhältnis zur Nation gab. Es gab besonders viele junge Leute, die mit der Fahne durch die Straßen gezogen sind. Das Neue an dieser WM war, dass ein allgemeiner gesellschaftlicher Wandel mit einer Entwicklung bei der deutschen Nationalmannschaft zusammenkam, die etwas Besonderes schuf und es einem leicht machte, sich mit seinem eigenen Land zu identifizieren. Das führte zu diesem entspannten Patriotismus. Wir haben nicht das Gefühl, besser zu sein als die anderen, dürfen aber auch ruhig wieder ein wenig stolz sein.
2. Haben die Deutschen sich während der WM patriotisch verhalten?
Es hatte etwas mit Patriotismus im positiven Sinne zu tun. Man hat an der Stimmung und dem Verhalten gemerkt, dass die Deutschen positive Gefühle gegenüber ihrem Land entwickeln können. Die Frage ist, wie weit das über die WM hinaus überdauern wird. Einerseits kann man dieser Entwicklung ganz gute Chancen geben, weil sie einfach von den jüngeren Generationen getragen wird, über denen das Damoklesschwert der Geschichte nicht mehr so drohend schwebt. Zum anderen hat das Land aber auch einige Probleme. Im Moment gibt es leider nicht viel, auf das man stolz sein könnte.