Seite  1   2   3  Interview: K.-S. Rehberg, Soziologe

Prof. Dr. Karl-Siegbert RehbergProf. Dr. Karl-Siegbert Rehberg ist Gründungsprofessor für Soziologie und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologe an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus leitet er die Deutsche Gesellschaft für Soziologie.

Gab es vor der WM überhaupt „Patriotismus“ in Deutschland?

Patriotismus ist in Deutschland spätestens mit dem Nationalsozialismus und den deutschen Verbrechen gewissermaßen unter ein Tabu geraten. Aber auch vorher war in der deutschen Geschichte schon die Frage aufgetaucht, ob eine patriotische Haltung nicht auch immer eine nationalistische sei. Der Grund dafür war die Übersteigerung des Nationalismus, bereits im deutschen Kaiserreich und in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts. Das hat den Begriff des Patriotismus – wie auch den der Nation, des Vaterlandes und andere – diskreditiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland eine neue Identität im europäischen Zusammenhang gesucht. Die Deutschen flohen sozusagen aus der Geschichte. Als Theodor Heuss die Präsidentschaft übernahm, meinte er, Deutschland müsse ein neues Verhältnis auch zu seiner nationalen Geschichte finden. 1959 hat dann Dolf Sternberger, ein Politologe aus Heidelberg, die Idee des Verfassungspatriotismus geprägt: Werte der Verfassung, der Freiheit und der Grundrechte müssten patriotisch neu besetzt werden.

Der Begriff Patriotismus tauchte im Frankreich des 17. Jahrhundert als Liebe zum Vaterland zum ersten Mal auf, mit einem starken Rückgriff auf die antike Römische Republik. Während der Französischen Revolution wurde Patriotismus dann geradezu zum Begriff der Linken, der Revolutionäre. Die galten als die eigentlichen Patrioten, im Gegensatz zu Fürsten und Adeligen, die nur an ihren eigenen Standesinteressen orientiert waren.

Und von da aus wirkte der Begriff Patriotismus auf die deutsche Befreiungs- und Demokratiebewegung. „Patriot“ war zu dieser Zeit fast gleichbedeutend mit „Revolutionsfreund“. In der Nationalgeschichte des 19. Jahrhunderts war Patriotismus ganz durchgängig die Forderung nach einem demokratischen Deutschland. Das hat sich geändert, als die Idee des Patriotismus in der Reichseinigung unter Preußens Führung – der „kleindeutschen Lösung“ – immer mehr verstaatlicht und schließlich nationalisiert wurde. Am Ende war Patriotismus sogar mit einer Aggressionsbereitschaft nach außen verbunden.
Dabei war Patriotismus im 19. Jahrhundert sehr stark mit Anerkennung anderer Nationen und letztlich mit so etwas wie Weltbürgertum verbunden gewesen. An diese Aspekte könnte man heute wieder anknüpfen: Dass Patriotismus eben nicht als Selbstliebe einer Nation, die andere Nationen weniger achtet, verstanden werden muss.

Seite  1   2   3 

nach obenSeite drucken