Seite  1   2   3  Interview: K.-S. Rehberg, Soziologe

Haben die Deutschen eine größere Nähe zum Vaterland aufgebaut?

Das halte ich für unwahrscheinlich. Ich denke, das Verhältnis ist unverkrampfter geworden, was man am Beispiel der Fahnen sehen kann, die in der Schweiz und in Amerika sowieso überall gegenwärtig sind. Nach dem 11. September 2001 wurde allerdings auch in den USA eine Art krampfhafter Fahnenflut sichtbar. Todesanzeigen waren plötzlich häufig mit den „Stars and Stripes“ gestaltet, ohne dass die Menschen dort durch Terroristen oder im Krieg ermordet worden wären. Da wurde häufiger “Flagge gezeigt”, aber eigentlich gehört dies zum amerikanischen Alltag ohnehin selbstverständlich dazu.

Das hat sich im Sommer 2006 in Deutschland eben erst in dieser spielerischen Form entwickelt. Vor kurzem gab es das kleine Alltags-Experiment eines ausländischen Journalisten, der am Brandenburger Tor Passanten eine Deutschland-Fahne schenken wollte. Die Deutschen gingen alle vorbei und wollten die Fahnen nicht haben. Die Ausländer dagegen nahmen die Fahnen, sagten so etwas Ähnliches wie „wunderbares Land“, und bedankten sich. Das zeigt, dass sich in Deutschland nicht so viel verändert hat, wie man vielleicht geglaubt hat.

Wie verhält es sich in Zukunft mit dem „entspannten Patriotismus“?

Die Presse ruft Themenkonjunkturen hervor – da werden Begriffe hochgespült, die auch schnell wieder verschwinden.
Die Zeit seit der Wiedervereinigung hat insgesamt gezeigt, dass die deutsche Geschichte zunehmend als eine Geschichte wahrgenommen wird, die nicht ausschließlich aus Verhängnissen und Verbrechen besteht. Insofern nähern wir uns an die Selbstdeutung anderer europäischer Gesellschaften an. Aber das soll und darf nicht um den Preis geschehen, dass diese unbegreiflichen Verbrechen, dieser Zivilisationsbruch, nicht auch ein Teil unserer Geschichte blieben, denn das sind sie!

Die Japaner sind ein Beispiel dafür, wie schwierig es in manchen Kulturen ist, sich solche politischen Verbrechen einzugestehen, wie sie Japan etwa in China und Korea begangen hat. Im Vergleich dazu ist die deutsche Entwicklung – durch diesen enormen Schock des Verbrechens, das mit der Niederlage vor Augen geführt wurde – eine doch adäquatere Form des Umgangs mit der eigenen Geschichte.

Gleichwohl wäre es falsch, die deutsche Geschichte nur darauf zu fokussieren, sie nur noch als eine Geschichte zu verstehen, die nach Auschwitz führt. Man muss es mit gewisser Skepsis sehen, wenn etwa deutsche Geschichte und Kultur an manchen hochrangigen amerikanischen Universitäten nur noch vor dem Hintergrund des Holocausts wahrgenommen wird. Damit wäre Goethe sozusagen ein Vor-Holocaust-Autor und Grass ein Nach-Holocaust-Autor (mit inzwischen selbst bedenklicher Verstrickung, wie man so sagt und bei einem 15-Jährigen wohl auch sagen muss). Bei aller unveränderter Erinnerung an die verbrecherische Herrschaftsperiode der Nazis und an die Schuld der Deutschen an Krieg und Völkermord wäre es doch absurd, sollte das zum Fokus der gesamten deutschen Geschichte und Geschichtsauffassung gemacht werden.

Seite  1   2   3 

nach obenSeite drucken