Seite 1 2 Patriotismus made in USA
Andere Länder, andere Sitten: USA
Das Wort Patriotismus ging den Deutschen traditionell nur schwer über die Lippen. Bis zur WM fiel es den Deutschen schwer, patriotisch zu sein. Zu schwer drückt die Schuld der Vergangenheit. Wie sieht es aber in anderen Ländern aus?
In den USA ist Patriotismus eine Selbstverständlichkeit. Dort hängt überall die US-amerikanische Fahne – sowohl an öffentlichen Plätzen als auch an Privathäusern. Für Amerikaner ist es völlig normal, Flagge zu zeigen. Die Fahne an der Haustür ist ein alltägliches Bild. Schon früh kommen die Amerikaner in Kontakt mit Patriotismus. Es ist normal, in Schulen vor Unterrichtsbeginn den Fahneneid – den „pledge of allegiance“ – zu sprechen. Dabei stehen alle Mitglieder einer Klasse auf, wenden sich der Fahne zu, legen ihre rechte Hand aufs Herz und sprechen gemeinsam den Eid:
„I pledge allegiance to the Flag of the United States of America and to the Republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all.“
(Ich gelobe Treue der Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle.)
Doch nicht nur an Schulen werden solche „Rituale“ zelebriert. Auch bei öffentlichen Anlässen ertönt in den USA, beispielsweise vor einem Baseballspiel, die Nationalhymne. Für die Zuschauer gibt es Verhaltensregeln, welche im „Flag Code“ festgelegt sind. Niemand wird sich beschweren, wenn man die Hymne nicht mitsingt, man sollte aber aufstehen und dadurch der Hymne den nötigen Respekt zollen.
Wie patriotisch die US-Amerikaner sind, zeigt auch eine von Soziologen des nationalen Meinungsforschungszentrums der Universität Chicago durchgeführte Studie. Hierbei landeten die Amerikaner auf Platz zwei. Nur die Bürger Venezuelas haben einen größeren Nationalstolz.(vgl. Pressemitteilung auf wissenschaft.de)
Wer jetzt erwartet, dieser Patriotismus sei in gesellschaftlicher und politischer Einheit verankert, der irrt. Die US-amerikanische Gesellschaft ist charakterisiert „durch Segmentierung im Sinne von vielfältiger, unzusammenhängend erscheinender, unübersichtlicher Zergliederung.“ (siehe: Peter Lösche, Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung) Diese Segmentierung hat unterschiedliche Gründe: Verschiedene ethnische Gruppen sind zu unterschiedlichen Zeiten eingewandert und haben das Land besiedelt. Somit haben sich in den USA „selbstständige kleine Inseln“ entwickelt, auf denen häufig Menschen gleicher ethnischer Herkunft leben. Auch ähneln sie sich in punkto Einkommen, Sozialprestige, Kirchenzugehörigkeit und Schulbildung. „Dies sind Inseln der Gleichheit,“ schreibt Peter Lösche weiter. Das alles widerspricht dem Klischee, die USA seien ein riesengroßer Schmelztiegel, in dem nationale, sprachliche, kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen den Einwanderern verschwunden seien.
Die politische Fragmentierung in den Vereinigten Staaten ist aber durchaus so gewollt. Sie soll der Machtaufteilung dienen. Niemand soll zu viel Macht im amerikanischen System haben. Deshalb ist das Bild vom amerikanischen Präsidenten als mächtigstem Mann der Welt nur teilweise richtig. Peter Lösche: „Die Stellung des Mannes im Weißen Haus ist weitaus angreifbarer als die des Kanzlers in Deutschland.“ In der Regel hat der Präsident im Kongress keine Mehrheit. Er wird von diesem, von Gerichten, von der Presse und von den eigenen Regierungsbehörden kontrolliert.
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